Meine Kunst hängt in China. Ich saß in Halle. Und ich finde das vollkommen in Ordnung.

Meine Kunst hängt in China. Ich saß in Halle. Und ich finde das vollkommen in Ordnung.

Meine Kunst hängt in China. Ich saß in Halle. Und ich finde das vollkommen in Ordnung.

Zum dritten Mal reisen meine Werke nach China. Zum dritten Mal ohne mich.

Ich sage das ohne Entschuldigung, ohne romantische Verklärung und ohne die übliche Künstler-PR, die aus jedem Rückschlag eine Heldenreise macht. Der Flug war nicht drin. Die Unterkunft auch nicht. Ich hätte es irgendwie zusammenkratzen können, vielleicht. Einen Kredit aufnehmen. Irgendwas verkaufen. Den Gürtel noch enger schnallen als er ohnehin schon ist. Ich habe mich dagegen entschieden.

Es war die richtige Entscheidung.

Denn die Frage, ob Kunst wirkt, hat nichts damit zu tun, ob ihr Schöpfer dabei steht und nickend erklärt, was er gemeint hat. Entweder spricht ein Bild. Oder es tut es nicht. Meins hat gesprochen. Ohne mich.

Was Vermächtnis eigentlich ist und warum es nach China gehört

Die Ausstellung in der Hismoon Gallery in Taicang zeigte meine Grafikreihe Vermächtnis. Vögel mit Wunden. Schädel. Blitze. Symbole für das, was bleibt, wenn etwas aufgehört hat zu existieren.

Die Serie beschäftigt sich mit zwei Dingen, die in der heutigen Kunst gerne vermieden werden, weil sie unbequem sind: Artensterben und Vergänglichkeit. Kein Aufschrei, keine Parole, keine erhobene Faust. Nur Bilder, die diese Fragen stellen, ohne die Antwort zu liefern. Das ist gewollt. Wer fertige Antworten will, kann Infografiken kaufen.

Ich arbeite viel mit Vögeln. Nicht weil sie dekorativ sind, sondern weil sie fragil sind. Weil sie verschwinden. Weil man das kaum merkt, bis sie weg sind. Ein Dompfaff, der einen Totenschädel in den Krallen hält, umgeben von Blitzen, ist kein niedliches Tierbild. Es ist ein Kommentar. Ob jemand ihn liest oder nicht, ist seine Entscheidung.

In China haben Menschen ihn gelesen. Ein chinesischer Künstler hat mir nach der Ausstellung geschrieben. Er sagte, meine Bilder erinnern ihn an alte philosophische Vorstellungen, nach denen Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern ein Kreislauf. Ich habe ihm das nicht erklärt. Ich war nicht mal im selben Land. Er hat es selbst gelesen, in einem Werk, das aus Halle kommt, von jemandem, der China nur aus Büchern und Bildern kennt.

Das ist der Moment, für den ich Kunst mache.

Über das Romantisieren von Armut und warum ich das nicht mitmache

Es gibt eine bestimmte Erzählung im Kunstbetrieb, die mich ankotzt. Der kämpfende Künstler, der trotz allem, der sich seinen Traum erkämpft, der aus der Not eine Tugend macht. Diese Erzählung wird gerne von Leuten verbreitet, die selbst nie in der Situation waren.

Ich mache das nicht mit.

Ich konnte nicht nach China, weil ich mir den Flug nicht leisten konnte. Das ist keine romantische Künstlerstory. Das ist die finanzielle Realität des unabhängigen Kunstschaffens im Jahr 2025. Kein Management, keine Galerie im Rücken, kein Fördertopf, der auf mich gewartet hat. Ich organisiere alles selbst, verhandle selbst, verpacke selbst, verschicke selbst. Meine Familie hat mir beim Einpacken der Werke geholfen, weil ich es alleine nicht geschafft hätte.

Das sage ich nicht, damit sich jemand schlecht fühlt. Ich sage es, weil ich es für wichtig halte, dass Künstler aufhören, so zu tun, als wäre Geldmangel ein Zeichen von Authentizität. Es ist kein Zeichen von irgendwas. Es ist ein strukturelles Problem eines Marktes, der Künstler braucht, aber nicht bezahlen will.

Ein Punkt, den ich ausdrücklich erwähne: Ich habe nicht bezahlt, um dabei zu sein

Der Kunstmarkt hat eine Seuche. Sie heißt Pay-to-Play.

Galerien, die Ausstellungsgebühren verlangen. Wettbewerbe, bei denen man Eintritt zahlt, um teilnehmen zu dürfen. Messen, bei denen der Stand mehr kostet als das, was man dort verkauft. Das System zieht Geld aus Künstlern heraus und nennt es Chance.

Die Hismoon Gallery hat mich eingeladen. Ich habe keine Gebühren bezahlt. Ich habe meine Werke transportiert, versichert, verpackt, und das war alles. Diese Galerie zeigt meine Werke, weil sie sie für ausstellungswürdig hält, nicht weil ich dafür gezahlt habe.

Das ist inzwischen so ungewöhnlich, dass ich es explizit erwähnen muss. Und das sagt alles darüber, in welchem Zustand sich weite Teile des Ausstellungsbetriebs befinden.

Was konkret dabei herausgekommen ist

Als direktes Ergebnis dieser dritten Ausstellung in China hat die Hismoon Gallery es geschafft, mich bei artfacts.net listen zu lassen. Für alle, die das nicht kennen: artfacts.net ist eine internationale Datenbank für zeitgenössische Kunst, auf der Sammler, Kuratoren und Institutionen weltweit recherchieren. Eine Art Lebenslauf, den man nicht selbst schreiben kann, weil er nur durch tatsächliche Ausstellungsaktivität entsteht.

Für jemanden, der ohne Galerie, ohne Management und ohne Netzwerk aus einer mittelgroßen deutschen Stadt heraus arbeitet, ist das ein konkreter Schritt. Nicht der letzte. Aber einer, den ich mir nicht selbst kaufen konnte. Er musste verdient werden.

Ob daraus neue Ausstellungen entstehen, neue Aufträge, neue Kontakte, weiß ich noch nicht. Aber die Tür steht offen. Und das war sie vorher nicht.

Ich sitze in Halle. Meine Kunst war in China. Und die Frage, wer von uns beiden weiter gekommen ist, beantworte ich nicht.

 

 

 

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